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Ulrike Hauffe, Landesbeauftragte für Frauen des Landes Bremen
für den 15.2.2002, Netzwerk FrauenZeiten
 

Es könnte alles so einfach sein!,
denn Frauen und mehr und mehr Eltern wünschen Arbeitszeiten, die Beruf und Familie vereinbaren lassen, die Unterbrechungsphasen ohne Karriereschwund erlauben. Dazu sind notwendig:

- Teilzeitwünsche mit individuellen Stundenkontingenten
- Teilzeitarbeit, die flexibel verändert werden kann (ohne starre jahrelange Festschreibungen)
- Arbeitszeiten, die über den Tag nach den individuellen Wünschen verteilt sind (nicht: täglich von 8.00 Uhr bis 12.00 Uhr, wie immer noch in einigen Betrieben üblich). 
- das heißt also: Teilzeitarbeit auch nachmittags oder auch in den Abendstunden
- nach Rückkehr aus der Elternzeit die Berücksichtigung von Teilzeitwünschen
- Berücksichtigung des Lebens auch außerhalb der Arbeit
- verlässliche Zeitgestaltungen
- Arbeitszeiten ohne Zwang zu Überstunden

Es könnte alles so einfach sein!,
denn Betriebe und Verwaltungen haben Interesse an:

- motivierten Mitarbeiterinnen 
- wenig Fluktuation bei den Beschäftigten
- der Abdeckung der Zeiten, die der jeweilige Betrieb erfordert
- verlässlichen Mitarbeiterinnen 
- verlässlicher Arbeitszeitgestaltung

Es könnte alles so einfach sein!,
wenn nicht bei flexiblen Arbeitszeitmodellen und -wünschen Ängste und Befürchtungen bestünden: Zeitverluste, Koordinierungsprobleme zwischen den Mitarbeiter/innen, Akzeptanz im Betrieb, mangelnde Leistungskontrolle, aber auch Kontrollverlust der Gewerkschaften.

Es könnte alles so einfach sein!,
wenn alle Beteiligten ihre verschiedenen Interessen untereinander sachgerecht aushandeln würden – im Interesse aller. Dies ist Ansatz und Methode im Projekt „Zeiten der Stadt“.

Nach wie vor arbeitet ein Gros der Beschäftigten in sogenannten normal Arbeitszeitlagen - allerdings mit rückläufiger Tendenz. Das bedeutet ca. 8 Std. Arbeit am Stück plus Wegezeiten und Pausen. 

Die Erwerbsarbeitszeitgestaltung im gewerblich-technischen Bereich, im produzierenden Bereich - alles traditionell männliche Beschäftigungsverhältnisse - wurde auf die Beschäftigungsverhältnisse im Dienstleistungsbereich übertragen.

Diese Gleichschaltung der Erwerbsarbeitszeiten erzwingt ein Jonglieren von sogenannten „Kombipflichten“ zwischen Erwerbsarbeit und Familie in einen 8-Stunden-Tag. In diesem Zeitdilemma stecken Frauen täglich. 

Das gesellschaftliche Modell, das dahinter steckt, geht auf die klassische Arbeitsteilung zwischen erwerbstätigem Mann und im Haus tätiger Frau zurück, einem Modell, dass um die Jahrhundertwende durchgesetzt wurde, schon vorher und seit dem als die einzige Lösung der industriellen Gesellschaft angesehen wird. Dieses wird auch bisher von den Gewerkschaften getragen. „Normal“ in deren Sinn ist: ein erwerbsarbeitender Mensch, sprich Mann und haustätiger Mensch, sprich Frau pro Familie.

Anders ausgedrückt: Die Zeitstruktur des Erwerbslebens - weiterhin hart verteidigt - setzt auch heute noch auf eine bestimmte Beziehung zwischen Erwerbsarbeit und Familie: die Arbeitsteilung in der Familie setzt darauf, dass der Ehemann dem Arbeitsmarkt voll zur Verfügung steht und er eine Frau im Hintergrund hat, die ihm die Anforderungen des Familienlebens erledigt. Dann sind auch Überstunden kein Problem, zum Teil sogar erwünscht, insbesondere bei Karriereaussichten oder zusätzlicher Bezahlung.

Immer mehr Frauen werden erwerbstätig. Im Vergleich liegt der Prozentsatz der Frauen-Erwerbstätigkeit in Deutschland (ca. 61%) niedriger als in Großbritannien (ca. 68%) oder in den USA (ca. 71%).

Es könnte alles so einfach sein!,
wenn nicht die bestehenden Arbeitszeiten nur sehr bedingt im Interesse der Frauen und im Interesse des Schutzes ihrer Arbeitskraft wären, da sie ihre Arbeit nicht auf den Dienst gegen Geld im Rahmen des eingegangenen Arbeitsvertrags begrenzen wollen/können. Die Übertragung des männlichen Arbeitszeitmodells auf alle Berufe bei gleichzeitig ansteigenden Anforderungen der Dienstleistungsorganisation für Familienmitglieder geht für Frauen nicht auf.

Also:
Wir müssen konsequenter denken:
Es reicht nicht, sich durch erstrittene Individuallösungen - evtl. sogar festgehalten in Betriebsvereinbarungen o.ä. - die aufwendige Tagesgestaltung zu organisieren. Folge wird sein, dass Frauen wieder diejenigen sein werden, die alle Arbeit erledigen, die Erwerbsarbeit, die Familienarbeit und die Nachbarschaftshilfe oder Gemeinwesenarbeit – nur vielleicht dann etwas besser durchstrukturiert aufgrund des Entgegenkommens von Betrieben. Es bliebe bei einer ungerechten Aufteilung wichtiger und notwendiger Arbeit. Wir wollen jedoch die gleiche Teilhabe aller an jeder gesellschaftlich wichtigen Arbeit: Beruf, Familie und Gemeinwesen. Und dafür brauchen wir Anreizsysteme, die gegenläufig zu den jetzigen sind. Diese sind nur erreichbar über die Neudefinition des Begriffs „Arbeit“ und die Neuorganisation der dann davon abhängigen Sicherungsleistungen. Nur wer in adäquater Weise alle drei Säulen gesellschaftlichen Lebens in sein individuelles Leben integriert, hat eine volle Altersicherung gewiss. Eine derartige Konstruktion „bildet“. Sie schafft auch in den Köpfen Veränderungen und positive Konnotationen – hin zu einer größeren Gerechtigkeit und Chance zwischen Männern und Frauen.


Prof.Dr.M.-E.Karsten, Universität Lüneburg undFrauenbeauftragte der Universität

U. Mascher, parl. Staatsekretärin im Bundesministerium für Arbeit

M. Mönig-Raane,
stellv. Bundesvorsitzende ver.di

M. Steenweg,
hotline Telemarketing,
Buchholz i.d.N.

U. Biermann,
Netzwerk Frauenzeiten